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Die säkulare Nation unter Gott

Mit den USA verbindet man in Europa zu oft maßlose Religiösität. Dies negiert ihren Beitrag an einer weitestgehend säkularen westlichen Welt, schreibt IJT-Mitglied Tim Benkner.

250789000 Staatsbürger. Oder: 77 Prozent.

Das ist der Anteil der US-Bevölkerung, die sich gemäß aktuellen Umfragen als Mitglieder einer Religionsgemeinschaft sehen. Sogar 61 Prozent derjenigen, die nicht einer Religionsgemeinschaft angehören, glauben an Gott. 53 Prozent der Erwachsenen sagen, dass Religion ein sehr wichtiger Faktor in ihrem Leben ist. Rund 36 Prozent der US-Bürger besuchen mindestens einmal pro Woche einen Gottesdienst. Es ist also kaum verwunderlich, dass man mit den USA neben vielen anderen Dingen eine ausgeprägte Religiosität verbindet. Einige gehen jedoch so weit und erkennen den USA ihren Status als säkularen Staat ab. Und das obwohl in den Staaten seit jeher eine strikte Trennung zwischen Staat und Kirche besteht. 

So wiesen die Amerikaner stets das Konzept einer durch die Regierung anerkannten oder geförderten Religion zurück, welches in so vielen europäischen Ländern vorherrschte und auch heute noch teilweise gegeben ist. Diese Trennung von Kirche und Staat wurde auch im ersten Zusatz zur Verfassung der Vereinigten Staaten bestimmt.
Dort heißt es:

„Der Kongress darf kein Gesetz erlassen, das die Einführung einer Staatsreligion zum Gegenstand hat, oder die freie Religionsausübung verbietet“.

Aus dem ersten Zusatz der US-amerikanischen Verfassung.


Diese klare Aussage ist vor dem Hintergrund zu
begreifen, dass die USA seit jeher ein Zufluchtsort für Menschen waren, die auch oder gerade wegen ihrer Religion aus der europäischen Heimat vertrieben wurden.

Auf den ersten Blick erfolgt die Trennung von Kirche und Staat so konsequent wie absolut. Es gibt in den USA keinen Religionsunterricht. Schüler und Schülerinnen dürfen während der Schulzeit nicht öffentlich beten. Städte dürfen auf öffentlichen Plätzen keine religiösen Symbole aufstellen und eine direkte staatliche Unterstützung von bestimmten Religionsgemeinschaften oder religiösen Privatschulen ist nicht gegeben. Auch wenn “Gott” in offiziellen Zeremonien eine wichtige Rolle spielt.

Säkular und gottesfürchtig

“One Nation under God” – so heißt es seit 1954 im Fahneneid, der bei öffentlichen Anlässen sowie in Schulen gesprochen wird. Sitzungen des Kongress beginnen gewöhnlich mit dem Gebet eines Pastors und der Leitsatz der Vereinigten Staaten ist „In God we trust“. Dieser findet sich sogar auf der Währung, dem US-Dollar, wieder. Auch Spenden an religiöse Einrichtungen können vom zu versteuernden Einkommen abgesetzt werden.

Doch all das sollte noch lange kein Anlass sein, den US-amerikanischen Säkularismus zu verkennen. Ein säkularer Staat zeichnet sich dadurch aus, dass er die Trennung zwischen staatlichen und religiösen Institutionen sicherstellt und seine Autorität auf durch Menschen geschaffenes Recht anstelle religiöser Lehren und des Religionsrechts stützt.  Das ist in den USA unzweifelhaft gegeben. Auch die angesprochene religiöse Symbolik ist kein Widerspruch, sondern Folge des strikten Säkularismus der USA. Da die organisierte Religion in den USA nie ihren unheilvollen Einfluss auf den Staat und dadurch auch auf die Bevölkerung ausüben konnte, wird Religion in den USA anders als in vielen europäischen Staaten nicht als Bedrohung wahrgenommen.

Religion als Motor der US-Demokratie

Vielmehr ging in den USA der Demokratisierungs- und Modernisierungsprozess mit einer Zunahme der Kirchenmitglieder einher. Zur Zeit der Unabhängigkeitserklärung gehörten lediglich 20 % einer Kirche an. Die etablierten Kirchen in den Kolonien waren zunächst Kirchen einer elitären Minderheit. Sie wuchsen mit der politischen Mobilisierung für die Demokratie. Auch deshalb ist Religiosität positiv konnotiert und steht nicht im Widerspruch zur Modernisierung oder gar zur Demokratie.

Religion und ein säkularer Staat sind in den Vereinigten Staaten also kein Widerspruch, sondern vielmehr zwei Seiten der selben Münze.

Tim Benkner beantwortet die Frage, ob die USA ein säkularer Staat sind.

Die religiöse Symbolik konnte sich so über die Jahrhunderte fest in den genannten Beispielen etablieren, da ihr keine bedrohliche oder ausgrenzende Wirkung beigemessen wird. Vielmehr kommt ihr über ihren rein symbolischen Charakter hinaus kaum eine Bedeutung zu. Der im Eid oder auf der Währung erwähnte Gott kann keiner bestimmten Religionsgemeinschaft zugeordnet werden und ist damit inklusiv. Was schließlich die absetzbaren Spenden angeht, so ist nur anzumerken, dass ein legaler Weg zur effektiven privaten Unterstützung von Religionsgemeinschaften geschaffen werden musste, um eine ungehinderte Ausübung der Religionsfreiheit zu gewähren, da eine anderweitige staatliche Unterstützung per Verfassung nicht erlaubt ist.

Religion und ein säkularer Staat sind in den Vereinigten Staaten also kein Widerspruch, sondern vielmehr zwei Seiten der selben Münze. Das Ergebnis ist mithin eindeutig. Doch die USA sind nicht nur ein Musterbeispiel des Säkularismus, sondern der älteste säkulare Staat der Welt.

Wer dies unwissentlich verkennt, liegt falsch. doch wer wissentlich das Gegenteil behauptet, begeht mehr als nur einen Faux-pas. Denn aus böswilliger Absicht den Säkularismus der amerikanischen Verfassung auszublenden, verkennt den wertvollen Beitrag einer säkularen Nation unter Gott, welche die Vereinigten Staaten von Amerika an einer weitestgehend vom religiösen Einfluss befreiten westlichen Welt leisten und geleistet haben. Damals wie heute.

 

 


Bildrechte: Half-Dollar Coin with Inscription „In God we Trust“.
Kevin Dooley,License CC BY-SA 4.0

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