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USA: Ein Hort der Gottesfurcht!

Tim Benkner meint in den USA einen Hort des Säkularismus zu erkennen. Damit erzählt er nur die halbe Wahrheit, schreibt IjT-Mitglied Moritz Asbrand in einer Gegenrede.

Vor wenigen Wochen war ich im Endspurt des Midtermwahlkampfes in den USA. Genauer: in Houston, Texas. Mehrere Male fielen mir vor mehr als einem Haus neben den im Wahlkampf üblichen Schildern mit Sympathieaufrufen für einen gewissen Kandidaten auf. Darunter auch eines mit folgender Aufschrift:

„I kneel for the cross and stand for the flag.“

Diese Verquickung von Gottesfürchtigkeit und Patriotismus ist in den USA weder neu noch unüblich. Was mich aber tatsächlich überrascht hat? Dass manche Menschen in dem Land, welches „In God we trust“ auf seine Geldscheine druckt, ein Paradebeispiel für Säkularismus zu erkennen glauben. Eine Position, die kürzlich auch mein IjT-Kollege Tim Benkner vertreten hat. Ich möchte hiermit darlegen, warum ich entschieden anderer Ansicht bin.

Das ist nicht der Säkularismus!

Um uns dem Thema zu nähern, müssen wir uns auch den verschiedenen Begriffen widmen. Säkularisierung und Säkularisation werden zwar oft synonym verwendet, bezeichnen aber unterschiedliche Prozesse. Der humanistische Pressedienst definiert Säkularismus wie folgt: „Säkularisierung ist seit der beginnenden Neuzeit die zentrale Entwicklungslinie im Verhältnis von Religion und Gesellschaft. Gemeint ist der vielschichtige Prozess des allmählichen Bedeutungsverlustes insbesondere der organisierten Religion in allen Lebensbereichen.“

Was ist im Gegensatz dazu also Säkularisation? Gerhard Czermak sieht darin den „Einzelvorgang der Umwandlung (Enteignung) kirchlichen Vermögens in Vermögen weltlicher Herrschaft.“ Wann ist also ein Staat säkular? Laut Czermak hat ein säkularer Staat „ausschließlich innerweltliche Zielsetzungen“. Es bedarf also neben einer Trennung von weltlichen und religiösen Institutionen auch eines komplett verweltlichten Selbstverständnisses. Wir sollten dementsprechend zuerst klären, ob die institutionelle Trennung von Staat und Religion aus humanistisch/säkularen Prinzipien erfolgt oder eventuell andere Ursachen hat.

 

Wer den ersten Zusatz der Verfassung, der die Einführung einer Staatskirche oder Einschränkung der Religionsfreiheit durch den Kongress verbietet, als Zeichen einer säkularen Gesinnung der USA deutet, erzählt allerhöchstens die halbe Wahrheit.

meint Moritz Asbrand in einer Gegenrede zu Tim Benkner.

 

Wenn wir über die Rolle von Religion im US-amerikanischen Staat und der US-amerikanischen Gesellschaft sprechen, müssen wir auch über die Entstehung der USA sprechen. Dass die USA von Grund auf so konzipiert wurden, dass die Kirchen zu keiner Zeit eine nennenswerte weltliche Macht besaßen, ist dem Umstand zu verdanken, den man gerne „Gnade der späten Geburt“ nennt. Genauso wie Deutschland sein auf ein modernes Rechtsverständnis basierendes Justizsystem der Tatsache verdankt, dass es nach dem zweiten Weltkrieg mit US-amerikanischer Inspiration auf eine nahezu komplette „tabula rasa“ geschrieben wurde, ist die amerikanische Staatsordnung ein Kind ihrer Zeit. Vielen Problemen, mit denen die mitteleuropäischen Staaten im Zuge der Entmachtung der Kirchen zu kämpfen hatten, waren die USA einfach auf Grund der Zeit, in der sie entstanden, nie ausgesetzt. 

Fromm und pluralistisch

Institutionell sind Staat und Religionen in den USA stärker getrennt als in den meisten europäischen Staaten – insbesondere Deutschland. Das ist unbestritten. Wer den ersten Zusatz der Verfassung, der die Einführung einer Staatskirche oder Einschränkung der Religionsfreiheit durch den Kongress verbietet, als Zeichen einer säkularen Gesinnung der USA deutet, erzählt allerhöchstens die halbe Wahrheit.

Pluralismus, Subsidiarität und Dezentralismus sind seit jeher Teil der Identität und der Konzeption der Vereinigten Staaten – auch in der Frage der Religionsausübung. Die Abwesenheit einer Staatskirche ist mitnichten als Ausdruck eines ganz und gar verweltlichten Staates zu sehen. Es ist in den USA viel mehr Teil einer Gesellschaft, die sich in ihrem Selbstverständnis durchaus mehrheitlich als religiös geprägt sieht, aber in ihrer Religiosität eine vom Staat oktroyierte Einheit und Institutionalisierung ablehnt. Wenn man bedenkt, dass viele der ersten Einwanderer Angehörige religiöser Minderheiten waren, die von den Herrschern und den von diesen protegierten Staatskirchen in ihrer freien Religionsausübung gehindert wurden, ist das nicht sonderlich überraschend. Als Beispiel seien nur die Puritaner an Bord der Mayflower genannt, die sich nur zu gut an die Verfolgung und Gewalt ihnen gegenüber in England erinnerten. Aber auch viele andere verfolgte religiöse Minderheiten waren an dem Aufbau der Kolonie beteiligt.

Anzunehmen, die strikte Trennung zwischen Staat und religiösen Institutionen würde eher auf einem säkularen Selbstverständnis als auf den Prinzipien von freier Religionsausübung und Subsidiarität beruhen, ist sehr gewagt.

Vergesellschaftlichter Glauben

Ohne eine Verweltlichung der Werte, ohne die Beschränkung einer Gesellschaft auf weltliche Fragen, können die Vereinigten Staaten von Amerika nicht als Hort des Säkularismus betrachtet werden. Wer verkennt, wie wenig verweltlicht die amerikanische Gesellschaft im Vergleich zu ihren europäischen Pendants ist, schätzt das Selbstverständnis und die Seele dieser Nation falsch ein. Im Jahr 2017 glaubten laut einer gallup-Studie immer noch 38% der US-Amerikaner an Kreationismus, also dass die Erde vor 10000 Jahren von Gott erschaffen wurde. 38 % glauben also eher fundamentalistischer religiöser Lehre, als bewiesenen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Ein Wert, der in Mitteleuropa so nicht vorstellbar ist. Wie kann man da von einer verweltlichten Gesellschaft sprechen?
Eben: Gar nicht! Weil man es in den Staaten selbst auch gar nicht möchte.

Im „National Register of Historic Places“ wird die „National Cathedral“ (Washington D.C.) als „nationales Haus des Gebets der USA“ bezeichnet.
Ein Land, das ein nationales Gebetshaus unterhält, beschränkt sich eindeutig nicht auf rein innerweltliche Zielsetzungen. Man mag es als Symbolik abtun, dass die USA Schulkinder dazu animiert, im Fahneneid auf „one nation under god“ (eine Nation unter Gott stehend) zu schwören.

Anyhow: Ein Selbstverständnis wird durch Symbolik ausgedrückt. Und ein religiöses Selbstverständnis passt nicht zu einem Staat, der für Säkularismus stehen soll. Wer Säkularismus auf die Trennung der kirchlichen und staatlichen Institutionen reduziert, hat nicht nur einfach den Begriff falsch verstanden. Er spricht der durch Humanismus und Aufklärung hervor gerufenen Säkularisierung die enorme Bedeutung ab, die sie für die Entstehung von modernen Staaten und der heutigen westlichen Welt hatte.

Ich plädiere deshalb dafür, dieses großartige Erbe von Humanismus und Aufklärung als mehr zu sehen als eine bloße intentionale Entflechtung von Staat und Religion. Nämlich als eine unerlässliche Geisteshaltung, die die Gesellschaft weg von Glauben und Aberglauben hin zu Fakten und Wissenschaft geführt hat. Dieses Erbe müssen wir bewahren und fördern. Und das sage ich – diese Anmerkung sei mir erlaubt – als gläubiger Christ.


 

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