History

Älter als die Nation selbst: Die neun Colleges

"Aufnahmeprüfungen, Studiengebühren? Sehen wir nicht so eng!" IjT-Redakteur Oliver Scheele über die Ursprünge des US-Hochschulwesens und die bescheidenen Anfänge von Harvard, Yale und Brown.

Harvard, Yale, Brown – diese Namen stehen in der Welt für herausragende akademische Institutionen. Sie gehören zu den ältesten Universitäten der USA. Ihre Anfänge waren hingegen, vergleicht man sie mit ihrer heutigen Größe und Ausstrahlung, eher bescheiden. Dennoch war ihre Bedeutung für die dreizehn Kolonien bereits damals hoch. Sie gehören zu den neun Hochschulen der USA, die bereits vor der Unabhängigkeit gegründet wurden und noch heute existieren. Dieser Artikel schaut auf diese Ursprünge des US-Hochschulwesens.

Warum auf’s College, wenn ich einfach einen Laden aufmachen kann?

Zunächst müssen wir uns in die Zeit versetzen, in der die ersten amerikanischen Colleges gegründet wurden. Harvard machte 1636, damals zunächst als New College, in der Provinz Massachussets Bay den Anfang. Zu diesem Zeitpunkt waren die 13 Kolonien, die später zur Keimzelle der USA werden sollten, noch nicht einmal vollständig etabliert. Mitte des 17. Jahrhunderts lebten nur knapp über 50.000 Menschen in den Kolonien. Das Leben dort war vor allem von der Arbeit auf den Plantagen und Farmen geprägt. Hinzu kam, dass für fast alle Berufe kein formeller Abschluss notwendig war. Als Mensch in den Kolonien hatte euer Arzt sein Handwerk fast sicher im Rahmen von Praktika bei anderen Ärzten gelernt. Euer Anwalt hatte seine Kenntnisse vor allem daher, dass er andere Anwälte ein Zeit lang begleitet hatte. Irgendwann hatten beide einfach ein eigenes Geschäft aufgemacht, formelle Voraussetzungen dafür gab es nicht. Warum dann also Colleges gründen?

Anwalt konnte man auch ohne Abschluss werden – oft genügte eine Ausbildung und ein Schild an der Tür. 
William A. Crafts – „Pioneers in the Settlement of America“ by William A. Crafts. Vol. I Boston: Samuel Walker & Company, 1876, public domain.

Gründungen jenseits der europäischen Modelle

Die Colleges der Kolonien konnten also nicht als Einrichtungen der speziellen Berufsvorbereitung gegründet werden. Zwar gab es bei Geistlichen einen gewissen Bedarf nach strukturell ausgebildeten Männern, Voraussetzung für ein Amt in den Kirchen war dies aber nicht. So verstanden sich die ersten Colleges dann auch als Einrichtungen der allgemeinen Weiterbildung von jungen, weißen Männern. Ihren Aufbau und Auftrag entlehnten die amerikanischen Neugründungen dabei von den europäischen Vorbildern, gingen dabei aber noch einen entscheidenden Schritt weiter.

Im Gegensatz zu den kontinentaleuropäischen Universitäten der Zeit waren es nicht die Studenten, die sie trugen. Auch das britische Modell, bei dem viele eigenständig eingerichtete Colleges eine Universität trugen, dienten eher beim Curriculum als bei den Strukturen ein Vorbild. Man bediente sich eines in Schottland bereits praktizierten Modells: Ein von Externen besetztes Board sollte die Universität in allen wesentlichen Belangen steuern. Es bestellte einen starken Rektor für das College, der im Gegensatz zu seinen Kollegen in Europa über ein hohes Maß an Unabhängigkeit von den restlichen Angehörigen der Einrichtung auszeichnete. 


[T]hat the Church of Virginia may be furnished with a seminary of ministers of the gospel, and that the youth may be piously educated in good letters and manners, and that the Christian faith may be propagated amongst the Western Indians, to the glory of Almighty God

Royal Charter establishing the College of William and Mary

Dieses hohe Maß an Unabhängigkeit zeichnete die neuen Colleges auch gegenüber dem Staat und den Kirchen aus. Auch wenn am Anfang von Institutionen wie William and Mary königliche Satzungen standen und in allen Boards der Colleges vor allem die Kirchen zunächst hohen Einfluss hatten, war der Grundstein für eine Emanzipation bereits gelegt. Zum einen mussten die Boards nicht zwingend dauerhaft mit Kirchenvertretern besetzt werden, zum anderen legte das entwickelte System den Grundstein für eine Entwicklung hin zu politisch und zivilgesellschaftlich kontrollierten Einrichtungen.


Die neun kolonialen College-Gründungen

College (heutiger Name) Gründung Religiöser Ursprung
Harvard University 1636 Puritanisch
College of William an Mary 1693 Anglikanisch
Yale University 1701 Kongregationalistisch
University of Pennsilvania 1740 Nicht konfessionsgebunden
Princeton University 1746 Presbyterianisch
Columbia University 1754 Anglikanisch
Brown University 1765 Baptistisch
Rutgers 1766 Niederländisch-reformiert
Dartmouth College 1769 Kongregationalistisch

Quelle: Cohen 1998, S. 20


Finanzierung – Staat und Studiengebühren?

Auch wenn es sich bei den neuen Colleges um unabhängige Einrichtungen handelte, war ihr Verhältnis zum Staat durchaus ambivalent. In vielen Fällen, etwa im Fall von Harvard, waren staatliche Zuwendungen am Anfang von herausragender Bedeutung. Der Universität wurde das Land kostenlos zur Verfügung gestellt, außerdem erhielt sie einen Steueranteil und Einnahmen aus Fähr- und Brückenzöllen. Wie Arthur M. Cohen zeigt, war in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Hälfte des Einkommens des ersten Colleges in den Kolonien auf den Staat zurückzuführen. Für direkt von der Krone eingerichtete Institutionen war der Staat ebenfalls eine wichtige Einnahmequelle.

Andere Wege staatlicher Zuwendungen waren beispielsweise staatliche Lotterien zugunsten der Institutionen und Landschenkungen. Kolonien und Städte schenkten Neugründungen das nötige Bauland, um sie unterstützen und anzulocken. Die lokalen Bemühungen um die Ansiedlung einer prestigeträchtigen Institution führten teilweise auch zu besonderen Ausdrücken der Rivalität. Als New Haven dem Ort Saybrook erfolgreich das bereits gegründete Yale abspenstig gemacht hatte, sollen Saybrooks Bürger die Ochsen von den Karren abgespannt und Brücken zerstört haben, um den Umzug zu verhindern

Private Geldquellen waren von Anfang an von hoher Bedeutung. Colleges unternahmen große Anstrengungen, um an Finanzmittel oder, in dieser Zeit eine seltene Ressource, Bücher zu kommen. So erhielt Harvard seinen heutigen Namen, nachdem John Harvard dem College kurz nach der Gründung sein halbes Erbe und 400 Bücher vermachte. Yale benannte sich sogar frühzeitig in der Hoffnung um, sein Gönner Elihu Yale möge ihm einen beträchtlichen Teil seines Vermögens vermachen. Diese Hoffnung erfüllte sich aber bei seinem Tod nicht. Eine nicht so hohe Bedeutung kam den Studiengebühren zu. Auch wenn es vor der heutigen Diskussion merkwürdig erscheint: Studieren war bereits teuer genug. Familien mussten auf die Arbeitskraft des Heranwachsenden verzichten und gleichzeitig ihren Lebensunterhalt stemmen. Da war nicht viel Platz für hohe Zahlungen an das aufnehmende College.

Aufnahmeprüfungen, Studiengebühren? Sehen wir nicht so eng!

Natürlich war Studieren trotzdem eine Sache für vor allem vermögende, überwiegend weiße und ausschließlich männliche Abkömmlinge. In wenigen Fällen gründeten Colleges auch sogenannte Indian Schools. Das geschah allerdings wohlvor allem, um an die nicht unbeträchtlichen Finanzmittel zu kommen, die für die Bildung der von der europäischen Gesellschaft als wild angesehenen amerikanischen Ureinwohner bereitstanden. Das Vermögen der Eltern spielte nicht so sehr eine Rolle wie die ethnische Herkunft oder das Geschlecht, man kannte bereits Stipendienprogramm und sah auch Gebührenschulden nicht so eng.

‚Miss Lucinda Foote whose knowledge of classical authors and New Testament scripture in 1784 was declared to be worthy of admission by the Yale President. She was given a parchment to document that achievement‘ – and nothing else.

John R. Thelin, A History of American Higher Education

Die Colleges der Kolonien befanden sich in einem Wettbewerb um Studenten. Das galt nicht nur untereinander. Weil das Studium für keinen Beruf qualifizierte, war der Andrang nicht gerade atemberaubend. So nahm man es auch mit den Eingangsprüfungen nicht so eng. Zwar mussten die neuen Komilitonen eigentlich Latein und Griechisch beherrschen. Es fehlte jedoch an einem Schulsystem. Bildung fand vor allem im Privaten statt. So boten die Colleges dann auch Einstiegskurse an. Vielfach wurden die Voraussetzungen in den mündlichen Einstellungstests auch nicht zu scharf bewertet. Schließlich brauchte man die Studenten.

Tote Griechen und Gott – Studieren in der Kolonialzeit

Diejenigen Studenten, die die Colleges dann besuchten, erwartete ein umfangreiches Programm. Gerade in der Anfangszeit bestand das Curriculum vor allem aus klassischen und geistlichen Texten. Dies wandelte sich erst später. Sie wurden teils von wenigen spezialisierten Professoren, oft aber auch von Generalisten unterrichtet. Nicht selten hielten wenige Mitarbeiter das gesamte Lehrprogramm ab. Eine besondere Rolle nahm die Debatte ein. Die jungen Männer sollten im Widerstreit der Argumente geschult werden. Gerade dies bereitete sie oft auf eine Karriere in Kirche und Staat vor. Unter den Gründungsvätern der späteren USA und deren Eliten waren viele an solchen Colleges ausgebildete Herren. So listet Yale nicht weniger als 25 seiner Absolventen unter den Mitgliedern des Continental Congress, vier ehemalige Studenten unterzeichneten die Unabhängigkeitserklärung.

Allein vier Yale-Alumni unterzeichneten die Unabhängigkeitserklärung: Lyman Hall, Philipp Livingston, Lewis Morris und Oliver Wolcott.
Portraits and autograph signatures of the framers and signers of the Declaration of Independence, Philadelphia, July 4th, 1776. New York Public Library, public domain.

Im Übrigen sah man es mit den Abschlüssen nicht so eng. Es wird berichtet dass, während die Zahl der Studienanfänger schon nicht besonders hoch waren, die Zahl der Abschlüsse noch deutlich darunter lag. Bei der ersten akademischen Abschlussfeier des Harvard College wurden lediglich neun Abschlüsse vergeben. Kein Wunder, qualifizierte der Abschluss in vielen Fällen ja zu nichts. Vor diesem Hintergrund ist es umso bezeichnender, wie viele wichtige Männer der jungen USA über eine College-Vergangenheit in den neun Institutionen verfügten.

Das persönliche Leben spielte sich oft auf dem Campus ab. John R. Thelin weist aber darauf hin, dass das Leben außerhalb des College durchaus üblich war. Dies unterschied die kolonialen Institutionen von ihren britischen Schwestern. Man grenzte sich damit auch von den Traditionen der Insel ab. Deren Einrichtungen wurde unterstellt, die akademische Ausbildung nicht mehr ernst zu nehmen. Aber auch die kolonialen Schwestern nahmen ihre eigenen Vorgaben nicht zu ernst. So waren die meisten Studenten nicht sehr geübt in Latein. Dennoch war das College durchsetzt von strengen Regeln, da, wie Cohen ausführt, die Eltern der Kinder durchaus einen Erziehungsauftrag an die Einrichtungen gaben.

Religion regiert?

Das Curriculum deutet schon darauf hin – die Colleges der Kolonien waren ihrem Ursprung in den Religionsgemeinschaften durchaus tief verbunden. Die Lehreinrichtungen verstanden sich als durch und durch protestantisch. Es gibt keine einzige katholische Gründung, auch das Judentum fand an den neun Institutionen keinen Platz.

Einfluss der Religionen auf die Colleges sicherten vor allem die Boards der Institutionen. In allen waren religiöse Würdenträger vertreten. Yale wurde nach seiner Gründung sogar ausschließlich von solchen gesteuert. Im Laufe der Zeit führte dies zu Konflikten. Die zunehmende Diversität in den Kolonien, die neuen Glaubensrichtungen, hielten auch in der Studentenschaft Einzug. Sie gerieten damit in den Konflikt mit einer kirchlich geprägten Einrichtung. In diesem Spannungsverhältnis sehen einige Autoren den Grund für die Entwicklung des Hochschulsystems nach dem Bürgerkrieg.

Der Unabhängigkeitskrieg als Zäsur

Die kolonialen Colleges ware vor allem Lehreinrichtungen. Forschung beziehungsweise Erweiterung des Wissens fand kaum statt. Dies war den philosophischen Gesellschaften in den Städten vorbehalten. Auch Naturwissenschaften wurden am Anfang kaum gelehrt, der Kanon bestand aus mehr oder weniger schwerer klassischer und geistlicher Lektüre. Lehre wurde von wenigen Tutoren, oft selbst Absolventen, gestemmt. Dies änderte sich nur langsam im Laufe des 18. Jahrhunderts. Mehr Professuren entstanden, die Curricula um Naturwissenschaften und Ethik erweitert. Auch grundlegendes Wissen um die Wirtschaft hielt Einzug.

Die Gesellschaft der Kolonien wurde unabhängiger vom Klerus. Die Colleges waren ein Ort, an dem sich das Spannungsfeld zwischen kirchlicher und weltlicher Macht besonders deutlich zeigte. Große Reformen bleiben vor dem Krieg aber aus. So hatte Thomas Jefferson ein umfangreiches Reformprogramm für William and Mary vorgeschlagen, scheiterte jedoch (Cohen 1998, S. 33).

Der Ausbruch des Unabhängigkeitskrieges bedeutete zunächst einen tiefen Einschnitt für die neun ursprünglichen Colleges. Die jungen Männer wurden nun woanders gebraucht. Außerdem kam die finanzielle Unterstützung fast vollständig zum Erliegen. Das Geld wurde für den Krieg gebraucht. Nach der Gründung der Vereinigten Staaten setzte dann ein wahrer Boom ein, hunderte neue Einrichtungen entstanden. Darüber berichte ich im nächsten Teil dieser Serie.


Quellen

Als hauptsächliche Quellen für diesen Artikel wurden verwendet und sind zur weiteren Lektüre empfohlen:

Cohen, Arthur M. (1998): The Shaping of American Higher Education, Jossey-Bass Publishers, San Francisco

Thelin, John R. (2004): A History of American Higher Education, The Johns Hopkins University Press, Baltimore and London.

Titelbild: View of the colleges at Cambridge, Massachusetts / delineated & engraved by S. Hill. Illus. in: The Massachusetts magazine, or, Monthly museum of knowledge and rational entertainment. Boston, Mass. : Isaiah Thomas and Ebenezer T. Andrews, vol. II, no. VI, 1790 (June), frontispiece. From the archives of the Library of Congress. Copyright: Public Domain

1 Kommentar zu “Älter als die Nation selbst: Die neun Colleges

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