Agree To Disagree The Initiative

Alles ist besser als dieser Krieg

„Old Uncle Sam is getting pretty hot.
Time to turn Iran into a parking lot.“

Knapp ein Jahr nach dem Beginn der 444 Tage andauernden Geiselnahme von 52 US-Diplomaten sollten diese Zeilen das erste Mal die Welt erobern. Oder zumindest die US- Charts. Die US-amerikanische Folkband „Vince Vance & The Valiants“ schaffte es mit einer Cover-Version der Beach-Boys Nummer „Barbara Ann“ in die Top 100 der Billboard-Charts. Mit einem unzweideutigen Titel: „Bomb Iran“.

Zu einer glänzenden Musikkarriere brachten es Vince Vance damals allerdings nicht – dafür aber zu Mordaufrufen und Androhungen von Gewalt.

40 Jahre später könnte man meinen, dass sich der Inhalt mancher Gewaltandrohungen in die heutige Zeit hinübergerettet hätte. Der einzige Unterschied: Anstatt wie damals auf Vinyl-Scheiben gepresst, basiert heute alles auf Bits und Bytes.

Alte Drohungen in neuen Dosen

Denn tatsächlich haben sich die bereits seit Jahrzehnten existierenden Spannungen zwischen Iran und den USA in den vergangenen Wochen erneut deutlich verschärft. Mehr noch: Sie scheinen am vorzeitigen Höhepunkt angekommen. Während die USA Iran und seine prominente paramilitärische Organisation, die Revolutionsgarden, für Sabotageakte an Tankern in der Straße von Hormus ebenso verantwortlich machen wie für den Abschuss einer Aufklärungsdrohne der U.S. Navy, bestreitet Iran wiederum die Vorwürfe. Demnach sei die Drohne in den iranischen Luftraum eingedrungen und nach mehrfacher Warnung rechtmäßig abgeschossen worden.

Angesichts dieser äußerst aufgeladenen Stimmung befindet sich die internationale Staatengemeinschaft in einem Zustand der permanenten Kriegsangst.
Gerade durch das vermeintlich unberechenbare Verhalten von US-Präsident Trump befürchteten einige Medien und Experten einen aufziehenden Krieg zwischen den USA und dem Iran.

Doch contrary to popular belief scheint es wohl gerade Präsident Trump gewesen zu sein, der gegenüber seinem leichtsinnigen nationalen Sicherheitsberater John Bolton und seinem Außenminister Mike Pompeo den Frieden wahrte und Vorschlägen von Luftangriffen auf iranische Militäreinrichtungen in letzter Minute eine Absage erteilte. Was weiß Trump, was der Rest seines Kabinetts nicht weiß?
Zumindest das: Ein Krieg gegen Iran – das wäre eine schlechte Idee.
Und damit hat er zweifellos Recht.

Alles ist besser als dieser Krieg

Einer der Gründe hierfür sind die Auswirkungen eines Krieges mit Iran auf die Weltwirtschaft. Iran plant, im Falle eines Konflikts die Straße von Hormus, welche den Persischen Golf auf 30 km verengt, zu blockieren. Das würde den Export von Flüssiggas und Erdöl vollständig zum Erliegen bringen. Ungefähr ein Fünftel der weltweiten Öl-Transporte, das sind 17,4 Millionen Barrel pro Tag, würde dann wegfallen. Ganz zu schweigen vom flüssigen Erdgas. Zwar argumentierte Präsident Trump im jüngsten Interview in der Times, dass die USA von diesen Exporten kaum mehr abhängig seien und diese vielmehr nach China gehen würden. Allerdings würde eine Blockade dieser enorm wichtigen Wasserstraße die Weltmärkte schocken und damit auch die US-Wirtschaft treffen. Die Auswirkungen sind schwer absehbar, aber sicherlich würden sie weit über erhöhte Benzinpreise hinausgehen.

Iran ist nicht gleich Irak, sondern ist dreimal Irak

Ein weiterer Aspekt, der bei einem möglichen Konflikt mit Iran zu bedenken ist, ist dessen Größe und militärische Stärke. Iran ist nicht Irak, sondern ist dreimal Irak. Das gilt sowohl für die Fläche, als auch die Bevölkerung und die militärische Kampfkraft. Iran hat mit 81 Millionen beinahe so viele Einwohner wie Deutschland. Und das auf einer Fläche, die mehr als vier mal so groß ist wie die der Bundesrepublik. Iran ist von Gebirgsketten durchzogen und damit anders als das weitgehend flache Land des Irak deutlich schwieriger zu erobern und zu halten. Für Guerillataktiken ist diese Geographie ideal. Afghanistan lässt grüßen.

Das iranische Militär ist natürlich kein auch nur annähernd gleichwertiger Gegner für die US-Streitkräfte, aber es könnte dem US-Militär empfindliche Verluste hinzufügen. Die iranischen Streitkräfte umfassen eine halbe Million Mann in Friedenszeiten. Diese sind mit russischen und chinesischen Waffen ausgerüstet, haben in Auslandseinsätzen in Ländern wie Irak, Syrien und Jemen aktuelle Kampferfahrung gesammelt und sind zum Teil fanatisch ideologisiert und motiviert. Dies trifft vor allem auf die Revolutionsgarden zu. Mit asymmetrischer Kriegsführung bis hin zu Selbstmordangriffen, ballistischen Raketen und unzähligen Torpedobooten im persischen Golf würden die iranischen Streitkräfte einer US-amerikanischen Invasionstruppe empfindliche Verluste hinzufügen. Diese müsste angesichts der Größe Irans ein Vielfaches der Streitkräfte umfassen, die 2003 in Irak einmarschiert sind.

Eine iranische Niederlage wäre nicht das Ende

Selbst nach einer konventionellen Niederlage der iranischen Streitkräfte – welche sich aber auch schon über Monate hinwegziehen könnte – würde man sich mit einem Guerillakrieg ähnlich dem konfrontiert sehen, der die amerikanische Erfahrungen in Irak prägte. Wozu die iranischen Mullahs hierbei fähig sind, hat sich im Irak- Iran-Krieg in den 1980er-Jahren auf traurige Weise gezeigt. Wir erinnern uns: Irakische Quellen sprachen von 300.000 Opfern des ersten Golfkriegs, iranische Quellen von 500.000 Toten. Der erste Golfkrieg war jedenfalls eine der verlustreichsten militärischen Aktionen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.  Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) registrierte im gesamten Verlauf des Krieges nahezu 40.000 iranische und mehr als 67.000 irakische Kriegsgefangene. Die Zahl der vermissten Soldaten mit ungeklärtem Schicksal wurde vom IKRK im Jahr 2008, und damit 20 Jahre nach dem Ende des Krieges, auf mehrere zehntausend geschätzt.

Fest steht außerdem, dass Iran im Falle eines Krieges seine Proxy-Truppen im Ausland aktivieren würde. Die schiitische Hisbollah-Miliz im Libanon würde Israel mit einem Raketenhagel eindecken, iranische Truppen im Irak und in Syrien würden ebenfalls Gegenschläge durchführen, genauso die Huthi-Milizen im Jemen.

Mehr unberechenbare Gewalt und mehr Chaos in dieser ohnehin schon fragilen Region.

Trotz der drückenden Überlegenheit des US-Militärs wäre eine Invasion des Iran eine erhebliche militärische Kraftanstrengung, die tausende tote und verwundete US-Soldaten mit sich bringen und einen erneuten langwierigen Krieg mit unsicherem Ausgang bedeuten würde. Dies ist auch Präsident Trump bewusst. Der kann in seinem gerade erst eingeläuteten Wahlkampf für die anstehenden Präsidentschaftswahlen nichts weniger gebrauchen als Särge voll junger US- Soldaten, die aus dem Nahen Osten eintreffen. Zwar haben die US-Amerikaner eine außergewöhnliche und überdurchschnittliche Leidensfähigkeit und Opferbereitschaft, wenn sie überzeugt sind, dass die Sache ihre Opfer wert ist. Diese Überzeugung ist allerdings nach den Erfahrungen im Irak und in Afghanistan kaum mehr zu halten. Die Amerikaner sind kriegsmüde, vor allem, was den Nahen Osten angeht. Und Präsident Trump weiß das. Sein Wahlkampfhit „America first“ beinhaltete auch, internationale Interventionen auf ein absolut notwendiges Minimum zurückzufahren.

Kluge Stärke statt planloser Eskalation

Nicht zuletzt deshalb ist seine Außenpolitik von Anfang an auf einen tendenziellen Isolationismus und Rückzug ausgelegt. Er weiß, dass seine Wähler von ihm zwar Stärke erwarten, aber eben kluge Stärke. Sie wollen keine zehntausenden toten US-Soldaten, keinen neuen jahrelangen Krieg im Nahen Osten und keine Weltwirtschaftskrise.

Eine Vielzahl von guten Gründen spricht gegen einen militärischen Konflikt mit dem Iran und erst Recht gegen eine Invasion. Ein Krieg wäre sowohl für beide Seiten, als auch für die Region und die gesamte Weltwirtschaft verheerend. Die USA haben genug Geld und Blut in den Nahen Osten investiert – daher wird jeder US-Präsident, dem an seiner Präsidentschaft oder einer zweiten Amtszeit gelegen ist, offshore-balancing – wie es über Saudi-Arabien praktiziert wird – einem direkten Konflikt vorziehen.
Und das ist auch gut so.

Bomb Iran? You better not.

Auch John McCain, damals noch Senator aus Arizona, trällerte im Rahmen seiner US-Präsidentschaftskampagne 2008 leichtfertig den Song „Bomb Iran“ während einer Fragerunde in South Carolina.


Diese offen zur Schau getragene Leichtfertigkeit seines Auftritts entwickelte sich rasch zu einem zentralen Kritikpunkt der Obama-Kampagne, welche den Republikaner als kaltblütigen „Hardliner“ titulierte. Ob der mittlerweile verstorbene McCain aus seiner verbalen Entgleisung lernte, wird man nie herausfinden.

Fest steht: Eine leichtfertige Eskalation des Krieges mit dem Iran wäre mindestens genauso unklug wie McCains damaliger Auftritt. Hoffen wir, dass Trump sich daran erinnern wird, wenn er an seine Chancen zur Wiederwahl in zwei Jahren denkt.

 

Daniel Konzelmann ist seit 2013 Mitglied bei der Initiative Junge Transatlantiker.
Aktuell schließt er seinen Doppelmaster in Governance and Public Policy und Internationale Beziehungen in Passau und Budapest ab.

Titelbild: Die USS Stark im Persischen Golf, als sie am 17. Mai 1987 innerhalb von 30 Sekunden von zwei irakischen Exocet-Raketen getroffen wurde. 37 Seeleute starben.
Public Domain: US Navy. CC 2.0.

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