Warum Joe Biden Hillarys Schicksal droht

Stell dir vor, du bist die demokratische Partei in den USA. Es ist das Jahr 2016. Du hast eine unglaublich gut vorbereitete Kandidatin. Sie war bereits Ministerin, hat den politischen Prozess der USA quasi schon durchgespielt und wurde von allen namhaften Politikern der Partei als qualifiziert empfunden und empfohlen. Sie ist prädestiniert, um die erste Präsidentin des mächtigsten Staates der Welt zu werden. Und dann stell dir vor, du verlierst mit dieser Kandidatin gegen einen Reality-TV-Star, der wie ein 3-jähriger spricht.

Und jetzt stell dir vor, du machst genau denselben Fehler nochmal. Nur diesmal heißt er Joe Biden.

Wie Hillary Clinton gegen Donald Trump verloren hat, darüber wurde viel geschrieben – nicht zuletzt auch von ihr. Und der Platz in diesem Artikel wird vermutlich nicht ausreichen, um alle Gründe aufzurollen. Viele der Gründe liegen nicht mal bei Hillary Clinton selbst, sondern in der demokratischen Partei: So war die US-Campus-Kultur, die sich nur noch auf Political Correctness konzentriert, sicherlich kein Vorteil für die Demokraten.

Raider heißt jetzt Twix – Hillary heißt jetzt Joe

Obwohl ich selbst schon im April 2016 geschrieben habe, dass Trump gewinnt, wenn Hillary die Kandidatin wird, hielt und halte ich sie für keine schlechte Politikerin. Sie wäre zweifellos eine gute Präsidentin geworden. Aber es reicht eben nicht, ein guter Politiker zu sein – es braucht auch einen guten Kandidaten, um Präsident zu werden.

Das Gegenbeispiel dazu ist Donald Trump. Er ist ohne Zweifel ein schlechter Präsident. Ich sage nur: Ukraine-Affäre und jüngst auch das Missmanagement der Corona-Krise. Aber dafür ist er ein hervorragender Kandidat. Er spricht in einfachen Sätzen, die jeder versteht, produziert verdammt gute Videos, überzeugt in Debates durch spontane, manchmal lustige Konter und bedient sein Zielpublikum perfekt. Trump ist das Gegenteil von Hillary Clinton: Ein 9/10-Kandidat, aber ein 1/10-Präsident.

Jetzt kann man sich natürlich fragen, was wichtiger ist. Als Bürger wird man natürlich eher sagen, ein guter Präsident. Aus Sicht eines realistischen Politikbeobachters muss man (leider) eher sagen: Ein guter Kandidat.

Der nächste schlechte Kandidat

Die besten Kandidaten sind nichts wert, wenn sie es nicht schaffen, Wahlen zu gewinnen. Das zeigt nicht nur Hillary Clinton. Elizabeth Warren war in diesem Wahlkampf in vielen Punkten eine bessere Version von Bernie Sanders. Eine progressive Kandidatin wie Sanders, aber moderater in vielen Punkten, an denen sich viele Demokraten stören. Viele Politiker und Journalisten in den USA attestieren ihr großes Geschick, wenn es darum geht, parteiübergreifende Kompromisse zu finden und die Machtpolitik im Kongress zu verstehen. Aber das bringt alles nichts – denn Bernie ist der bessere Kandidat.

Darum ist es auch gefährlich, wenn die Demokraten nun denselben Fehler nochmal machen, den sie 2016 gemacht haben. Sie schicken jemanden, der als US-Präsident – zumindest inhaltlich – sicher nicht schlecht wäre, aber einfach kein guter Kandidat ist.

Joe Biden stottert. Auch, wenn das Narrativ vieler Verschwörungstheoretiker sicher überspitzt ist, zeigt er vereinzelt Anzeichen von Demenz oder Cognitive Decline. Er vergisst, in welchem Bundesstaat er gerade spricht und sagt Dinge wie „That’s why I’m running for Senate“. Er ist kein charismatischer Kandidat und sieht traurig aus, wenn man ihm nicht applaudiert und zuhört. Und, was auch wichtig wird: Man merkt ihm sein Alter an. Wenn Donald Trump mit 73 Jahren der jüngste Kandidat im Rennen ist, haben die USA ein Problem. Und wenn die Demokraten als Antwort darauf einen 77-jährigen aufstellen, haben sie ein noch viel größeres.

Hillary Clinton als alter, weißer Mann

Inhaltlich dürfte Biden und Hillary nicht viel unterscheiden. Beide sind die Establishment-Kandidaten, die von Anfang an als ausgemacht galten und das „Moderaten“-Camp anführen. Beide waren in der Obama-Administration und streifen mit Vorschlägen wie Medicare for All und Waffenverboten nicht weiter an. Mit ihnen bekommt man ein bisschen Fortschritt in vielen Bereichen, aber keine großen Würfe. Die Frage ist, ob das nicht zu wenig ist, um bei den Wählern der Demokraten noch genug Stimmen zu holen.

Am Anfang dieses Wahlkampfes hab ich oft gesagt, dass Joe Biden die Antwort auf die Frage ist, was wäre, wenn Hillary Clinton ein Mann wäre. Da sie sonst vollkommen identisch sind, wäre das quasi das einzige Element, das sie unterscheidet. Mittlerweile sehe ich Biden als schlechteren Kandidaten. Wenn man sich Sorgen machen muss, ob der Kandidat der Demokraten mental fit genug ist, um es mit Donald Trump aufzunehmen, wird das wieder nichts. Obwohl Corona gerade den einfachsten Elfmeter auflegt, den man verwerten kann.

Zu hoffen wäre natürlich trotzdem, dass die Demokraten gewinnen. Auch leichte Fortschritte in den Bereichen Healthcare, Waffengesetze und Klimaschutz sind gut. Kein Politiker ist perfekt, und auch Obama war nicht perfekt, aber nach europäischen Standards ist eine Wahl für die Demokraten für die meisten ein No-Brainer. Meine Befürchtung ist nur, dass Joe Biden 2020 wie Clinton 2016 wird. Mit dem Unterschied, dass die Voraussetzungen viel besser wären, wenn man einen guten Kandidaten schicken würde. Joe Biden ist es jedenfalls nicht.


Titelbild: Joe Biden at McKinley Elementary School. Phil Roeder. CC 2.0.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Steffen Altmann sagt:

    Trump hat gleichnochmal welchen Krieg geführt?
    Was wohl hätten wir bei Hillary antworten müssen?
    Ich war drei Jahre Trump Gegner. Aber wenn ein 78 jähriger geistig angeschlagener alles ist, was die Demokraten aufzubieten haben, dann bitte: when the real donald trump please stand up and make the liberals cry again.Sie haben es sich verdient.

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